Scheitern verbindet

Warum ich in Lars Windhorst keinen Feind, sondern einen Leidensgenossen sehe.

Ich erinnere mich noch genau an die Push-Mitteilung auf meinem Handy. Spiegel Online vermeldete damals exklusiv den Einstieg von Lars Windhorst bei Hertha BSC. Plötzlich fand Hertha auf der Startseite vom Spiegel statt. Das war neu. Was außerdem neu war, war die Tatsache, dass ein externer Investor in einen Bundesligaverein investiert. Natürlich gab es da schon Hoffenheim oder RB Leipzig und auch die Werksvereine Wolfsburg und Leverkusen. Auch in Hamburg gibt es einen prominenten Investor. Doch irgendwie haben die ja alle eine gemeinsame Geschichte mit ihrem Geldgeber.

Lars Windhorst und Hertha BSC haben keine gemeinsame Geschichte. Lars Windhorst galt als Wunderkind in der Finanzwelt, als Ziehsohn von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl und irgendwann auch als gescheitert. Vielleicht ist es genau dieses Scheitern, das Hertha BSC und Lars Windhorst miteinander verbindet. Die Deutschen haben zum Scheitern ein ganz spezielles Verhältnis. Während man in Amerika problemlos scheitern darf, und das gleich mehrmals, bleibt in Deutschland immer der Makel der Erfolglosigkeit. Und wenn man so will, ist genau das das verbindende Element.

Lars Windhorst war ganz oben, protegiert von den Großen der Finanzwelt. Er hantierte mit Milliarden und verlor auch einige davon. Hertha BSC war zwar nie ganz oben aber wollte immer dorthin. Der etwas glücklosere Hoeneß-Bruder hatte es fast einmal geschafft. Doch zu welchem Preis? Eine heillose Verschuldung überließ er dem Verein und alles was blieb, war die Erinnerung an ein Unentschieden gegen Barcelona, das in Wahrheit niemand gesehen hat. Dem Nebel sei Dank.

Seitdem arbeiten wir unsere Schulden ab und trauern unserem Erfolg nach. Gleichzeitig, und das ist wahrscheinlich das Schlimmste, sind wir vom Radar der anderen verschwunden. Wir sind den anderen dermaßen egal, dass wir sogar einseitige Fan-Feindschaften pflegen. In Gelsenkirchen jedenfalls hasst man uns nicht zurück.

Und dann kam dieser Lars Windhorst. Ebenfalls verschwunden vom Radar. Nicht einmal mehr Häme hatten sie für ihn übrig, nachdem er diverse Male gescheitert war. Er war einfach weg. Nur um mit lautem Getöse wieder zurückzukehren. Aus der Versenkung auf die Spiegel Startseite. Und spätestens hier merkt man, dass das vielleicht doch passen könnte: die Hertha und der Lars. Beide wollen es noch einmal allen zeigen. Beweisen, dass man eigentlich immer unterschätzt wurde. Missverstanden.

Und auch der Duktus ist gar nicht so unähnlich. Mit Berliner Großkotzigkeit spricht Lars Windhorst direkt vom internationalen Geschäft. Von der Meisterschaft. Der Champions League. Vom Big City Club. Wir Fans üben uns noch in Zurückhaltung doch ganz tief in uns, das behaupte ich zumindest, ist uns das doch gar nicht so fremd. Wie oft haben wir uns gefragt, warum ausgerechnet Berlin nicht einen dieser großen, glamourösen Fußballvereine hat, auf den die ganze Welt schaut.

Und wenn man sich das dann mal so vorstellt, dass wir vielleicht wirklich eines Tages Erfolg haben könnten, dann merkt man schnell, dass einem eventuell etwas fehlen könnte. Die Unzufriedenheit. Die wöchentlich wiederkehrende Unzufriedenheit, die das ganze irgendwie romantisch macht. Denn wer von uns will schon jedes Wochenende gewinnen? Wer von uns will Erfolgsfan sein? Wer von uns will bei der Überreichung der Meisterschale nur noch müde mit den Achseln zucken? Niemand.

Aber um die Kirche einmal im Dorf zu lassen, mit dem Geld von Lars Windhorst, stehen wir nicht unter Verdacht zukünftig reihenweise Meisterschaften einzufahren. Der Abstand zu „denen da oben“ ist immer noch viel zu groß. Und genau deswegen bin ich eigentlich ein Freund von dem Projekt. Dann vielleicht schaffen wir es, eine ganz gute Mischung aus Erfolg und Scheitern hinzubekommen. Europäisch spielen, aber eben nicht gewinnen.

Wir könnten uns weiterhin über schlechte Transfers und und noch schlechtere Aufstellungen aufregen. Nur hätten wir eben etwas öfter in der Woche die Gelegenheit, unsere Hertha am Fernseher oder im Stadion anzufeuern. Dann hätten wir ja eigentlich alle gewonnen. Der Lars, die Hertha und wir.

Wie steht ihr zum Investor Windhorst? Schreibt es in die Kommentare!

Alles Gute für euch. Auch für die Zukunft. HaHoHe

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2 Kommentare

  1. Guter Kommentar, wäre auch mein favorisiertes Szenario. Was die sportliche Entwicklung betrifft, darf man sich gerne Mönchengladbach als Vorbild nehmen und langsam in den nächsten Spielzeiten nach oben klettern.

    Würde mich über Europa-League schon mal sehr freuen, frage mich aber ob Verein und Fans das ganze auch wirklich ernst nehmen würden. Nur dann macht es ja auch erst richtig Freude.
    Die Eintracht aus Frankfurt war da ja in den letzen Jahren Paradebeispiel, was passieren kann wenn man auch diesen oftmals eher ungeliebten Wettbewerb ernst nimmt.

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