Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Theodor Adorno wäre vermutlich nachhaltig gekränkt, seinen moralischen Grundsatz auf einem Fußball-Blog zitiert zu wissen. Doch sein Satz ist die dominierende These in der Diskussion über Hertha BSC. Über einen Verein, der seit 2019 landesweit als „Big City Club“ verlacht wird. Ein beim Rest der Fußballnation nicht sonderlich beliebter Fußballclub, ansässig im Berliner Westen, der seit der Investition von Lars Windhorst zur Finanzelite der Bundesliga zählt. Der ausbleibende, sportliche Erfolg karikiert das laut eines gewissen Jürgen K. „spannendste Fußballprojekt Europas“ im wöchentlichen Rhythmus.

Doch nicht einmal die eigene Fanszene lässt sich für das Projekt begeistern. Denn ein vereinsfremder Finanzinvestor, der mit der Herzensangelegenheit zehntausender Anhänger Rendite machen will, das ist exakt dieses „falsche“, von dem Adorno spricht. Und demnach dürfte es darin auch nichts „richtiges“ geben.

Weder die zurückgewonnene Liquidität, oder die Tilgung von Schulden, noch der neu gewonnene Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt kann darüber hinwegtäuschen, dass da einer mit Hertha BSC Geld verdienen will. Noch dazu einer, der von Fußball derart wenig versteht, dass er sich Jens Lehmann als Fachmann ins Boot holt.

Selbst in der Vereinsführung ist man, angesprochen auf den Investor, notorisch schlecht gelaunt. Die Ambitionen des Lars Windhorst teilt man in der Geschäftsstelle von Hertha BSC nur bedingt. Eher noch sieht man sich genötigt, die öffentlichen Vorstöße der Windhorst-Seite gebetsmühlenartig zu relativieren und zu betonen, wer im Verein eigentlich das Sagen hat.

Denn formal hat Windhorst keinerlei Mitspracherecht bei der sportlichen und geschäftlichen Führung von Hertha BSC. Die Realität dürfte anders aussehen. Wer mehrere hundert Millionen Euro in ein Unternehmen investiert, der implementiert Mechanismen zur Sicherung seiner Investition. Natürlich wird sich Lars Windhorst niemals in die Aufstellung einmischen, aber dass er Mittel und Wege finden wird, seinen Einfluss geltend zu machen, zeigte die erst kürzlich „verspätete“ Zahlung von 100 Millionen Euro.

Hertha BSC hat sich von ihm abhängig gemacht. So dankbar Werner Gegenbauer, Ingo Schiller und Michael Preetz über die Windhorst-Millionen sein dürften, so sehr widerstrebt ihnen augenscheinlich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Investor. Es scheint fast, als hätten sie erwartet, das Geld käme bedingungslos.

Die Bedingung jedoch ist offensichtlich. Europa. Lars Windhorst möchte Hertha BSC europäisch spielen sehen. Denn nur dort liegen die TV Millionen, das internationale Vermarktungspotenzial und die Sichtbarkeit seiner Marke. Und man kann es ihm kaum verdenken, dass er diese Bedingung angesichts der sportlichen Situation von Hertha BSC wiederholt und öffentlich kundtut. Mal selbst, mal über Jens Lehmann.

Die Situation ist kompliziert. Und während Vereinsführung und Investor noch immer nicht geschlossen zusammenstehen und an einem Strang ziehen, fühlen sich die über 38.000 Mitglieder schlicht und einfach übergangen. Werner Gegenbauer zum Beispiel ließ sich erst kürzlich wiederwählen, ohne es für nötig zu halten, über die verspäteten Zahlungen von Windhorst zu informieren. Eine Verschleierungstaktik, die im Grunde medial kaum thematisiert wurde. Dabei spricht sie Bände darüber, wie es um die Transparenz und Kommunikation bei Hertha BSC gestellt ist.

Die Fans stehen vor einem Dilemma. Kein Fußballfan wird einen externen Investor ohne kritisches Hinterfragen einfach akzeptieren. Die Liebe zum Fußball und die Liebe zum Geld sind dafür schlicht zu unterschiedlich. Einem Investor geht es primär um Geld, einem Fan um seinen Verein. Und hier kommt Adorno wieder ins Spiel.

Gibt es tatsächlich kein richtiges Leben im falschen?

Hier und da findet man gemeinsame Interessen. Sowohl Fans als auch Investor wollen sportlichen Erfolg. Sind die Windhorst-Millionen wirklich unvereinbar mit der Fan-Sehnsucht nach sportlicher Bedeutsamkeit? Auch Ingo Schiller muss Profit machen, Liquidität garantieren und nach neuen Vermarktungswegen suchen. Das ist kein exklusives Gebaren der Finanzwirtschaft. Vielleicht steckt in dem Projekt auch eine Chance. Wenn nicht nur Vereinsführung und Investor, sondern zusätzlich auch Fans an einem Strang zögen, so könnte man mit dem ungeliebten Geld von Lars Windhorst eventuell sogar etwas aufbauen, was das Zeug zum internationalen Vorbild hat.

In der freien Wirtschaft ist es ungleich selbstverständlicher, dass eine Marke auch über „Values“ aufgeladen wird. Diese Werte, das sind Projekte wie z.B. „Herthakneipe“ oder „1892 hilft“. Die Fans gehören zum Verein. Die Fans sind der Verein. Die Fankultur ist der Markenkern von Hertha BSC, nach dem man in der Geschäftsstelle schon so lange sucht. Es ist einen Versuch wert, Hertha BSC auf allen Ebenen voranzubringen. Wirtschaftlich, sportlich, kulturell. Geld schießt keine Tore. Aber Geld öffnet Türen. Und wenn Lars Windhorst sein Investment nachhaltig sichern will, dann sollten sich diese Türen nicht nur den Schatzmeistern, Sportdirektoren und Marketingchefs öffnen, sondern auch den Fanvertretern, Ultras und Mitgliedern.

Fernab jeglicher Esoterik – Hertha BSC muss sich zusammenraufen. Miteinander statt Gegeneinander. Alle Akteure haben auch gemeinsame Ziele und Interessen. Das ist die Basis für eine gemeinsame Vision. Wenn man das schafft, dann hat man auch dank der Windhorst-Millionen plötzlich eine Ausgangslage, die den Anfang einer Ära bedeuten könnte.

HaHoHe

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